Ein Mitarbeiter fehlt 14 Tage am Stück – ein anderer fehlt 7 Mal je 2 Tage. Beide haben dieselbe Anzahl Fehltage, aber der zweite Fall belastet das Team deutlich stärker. Der Bradford Faktor macht genau diese Unterschiede sichtbar: eine Kennzahl zur Analyse krankheitsbedingter Fehlzeiten, die häufige Kurzzeitausfälle stärker gewichtet als wenige längere Fehlzeiten. Doch wie berechnet man den Bradford Faktor? Was sagen die Scores aus? Und welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten in Deutschland?

In diesem Lexikon-Eintrag erfährst du, was der Bradford Faktor genau bedeutet, wie die Berechnung funktioniert, wie du Scores interpretierst und wie du den Bradford Faktor rechtssicher im Unternehmen umsetzt. Außerdem zeigen wir dir, wie er sich von anderen Kennzahlen wie Fehlzeitenquote und Krankenstand unterscheidet und welche Best Practices für eine erfolgreiche Anwendung wichtig sind.

Was ist der Bradford Faktor? Definition

Der Bradford Faktor (auch Bradford Index genannt) ist eine Kennzahl zur Analyse und Bewertung krankheitsbedingter Fehlzeiten im Unternehmen. Er wurde in den 1980er Jahren an der Bradford University School of Management in West Yorkshire (Großbritannien) entwickelt, um häufige Kurzzeitausfälle zu identifizieren, die den Betriebsablauf oft stärker belasten als wenige längere Fehlzeiten.

Der Bradford Faktor dient als objektive Grundlage für HR-Gespräche und hilft dabei, Muster in Fehlzeiten frühzeitig zu erkennen. Er ist ein wichtiges Instrument im Fehlzeitenmanagement und kann Hinweise auf möglichen Absentismus geben – allerdings sollte er nie als alleinige Grundlage für Personalentscheidungen dienen.

Die Formel des Bradford Faktors lautet: B = S² × D

  • S = Anzahl der Abwesenheitsfälle (unterschiedliche Krankheitsphasen/Episoden)
  • D = Gesamtzahl der krankheitsbedingten Fehltage
  • B = Bradford Faktor Score

Durch das Quadrieren der Anzahl der Abwesenheitsfälle (S²) werden häufige kurze Fehlzeiten stärker gewichtet als wenige längere. Ein Mitarbeiter mit 7 einzelnen Fehltagen erhält einen deutlich höheren Score als einer mit einer zweiwöchigen Krankheit – auch wenn beide insgesamt 14 Tage fehlen.

Bradford Faktor Berechnung

Die Berechnung des Bradford Faktors erfolgt nach der Formel B = S² × D. Dabei werden die Anzahl der Abwesenheitsfälle (S) quadriert und mit der Gesamtzahl der Fehltage (D) multipliziert.

Bradford Faktor Formel:

B = S² × D

Wobei:

  • S = Anzahl der Abwesenheitsfälle (Spells/Sickness periods)
  • D = Gesamtzahl der Fehltage (Total absence days)
  • B = Bradford Faktor Score

Berechnungsbeispiele

Drei Mitarbeiter sind über einen Zeitraum von 6 Monaten jeweils 14 Tage krank. Die Berechnung zeigt die unterschiedlichen Scores:

Bradford Faktor Berechnungsbeispiele
Mitarbeiter Anzahl Episoden (S) Gesamtfehltage (D) Berechnung Bradford Score
Mitarbeiter A 1 Episode 14 Tage 1² × 14 14
Mitarbeiter B 4 Episoden 14 Tage 4² × 14 224
Mitarbeiter C 7 Episoden 14 Tage 7² × 14 686

Während Mitarbeiter A einen niedrigen Score von 14 hat (keine Auffälligkeiten), zeigt Mitarbeiter B erste Anzeichen (224) und Mitarbeiter C einen kritischen Wert (686), der dringenden Handlungsbedarf signalisiert.

Warum wird S quadriert?

Das Quadrieren der Anzahl der Abwesenheitsfälle (S²) berücksichtigt, dass häufige kurze Ausfälle den Betriebsablauf stärker stören als wenige längere Fehlzeiten:

  • Planbarkeit: Ein zweiwöchiger Ausfall kann besser geplant und vertreten werden als 7 einzelne Fehltage
  • Team-Belastung: Häufige kurze Ausfälle erfordern wiederholte Umplanungen und belasten das Team stärker
  • Produktivität: Kontinuierliche Unterbrechungen wirken sich negativer auf die Produktivität aus

Berechnungszeitraum

Der Bradford Faktor wird typischerweise für einen Zeitraum von 6-12 Monaten berechnet und jährlich zurückgesetzt. Der Beobachtungszeitraum sollte in der Betriebsvereinbarung festgelegt werden, wenn der Bradford Faktor unternehmensweit eingeführt wird.

Berechnung in Excel

In Excel kannst du den Bradford Faktor wie folgt berechnen:

  • Spalte A: Anzahl der Abwesenheitsfälle (S)
  • Spalte B: Gesamtzahl der Fehltage (D)
  • Formel: =A1*A1*B1 (S² × D)

Mit Ordio Abwesenheiten kannst du Fehlzeiten systematisch erfassen und den Bradford Faktor automatisch berechnen lassen – ohne manuelle Excel-Listen.

Bradford Faktor Interpretation

Die Interpretation des Bradford Faktor Scores erfordert eine Anpassung an den deutschen Arbeitskontext. Die ursprünglich aus Großbritannien stammenden Schwellenwerte sollten nicht direkt übernommen werden, da das deutsche Arbeitsrecht (42 Tage Lohnfortzahlung, Kinderkrankengeld) zu anderen Absenzmustern führt.

Score-Bewertung (deutsche Schwellenwerte)

Bradford Faktor Score Interpretation
Score-Bereich Bewertung Maßnahme
1-200 Keine Auffälligkeiten Keine Maßnahmen erforderlich
201-449 Erste Anzeichen von Absentismus Gespräche und Ursachenanalyse empfohlen
450+ Kritisch Sofortmaßnahmen und intensive Gespräche

Wichtig: Diese Schwellenwerte sind Richtwerte und sollten an die individuellen Bedürfnisse des Unternehmens, die Branche und die Altersstruktur der Belegschaft angepasst werden. Ein Score von 450 bedeutet nicht automatisch, dass ein Mitarbeiter "Blaumacht" – es ist ein Indikator, der eine individuelle Betrachtung erfordert.

Individuelle Bewertung erforderlich

Jeder Fall muss individuell bewertet werden. Ein hoher Bradford Score kann verschiedene Ursachen haben:

  • Chronische Erkrankungen: Regelmäßige Arzttermine oder Behandlungen
  • Betreuungspflichten: Kinderbetreuung bei Krankheit des Kindes
  • Arbeitsplatzprobleme: Mobbing, Überforderung, Konflikte
  • Demotivation: Fehlende Perspektiven, mangelnde Wertschätzung

Der Bradford Faktor zeigt Muster auf, identifiziert aber nicht automatisch die Ursache. Er sollte als Ausgangspunkt für konstruktive Gespräche dienen, nicht als Urteil.

Bradford Faktor vs. Fehlzeitenquote vs. Krankenstand

Der Bradford Faktor ist eine von mehreren Kennzahlen im Fehlzeitenmanagement. Hier ist der Unterschied zu anderen wichtigen Metriken:

Vergleich Bradford Faktor, Fehlzeitenquote und Krankenstand
Aspekt Bradford Faktor Fehlzeitenquote Krankenstand
Berechnung B = S² × D (Formel) (Krankheitstage × 100) / (Beschäftigte × Arbeitstage) Krankheitsbedingte Fehltage / Soll-Arbeitstage
Gewichtung Gewichtet häufige kurze Ausfälle stärker Einfache Prozentrechnung Einfache Prozentrechnung
Zweck Mustererkennung, Identifikation problematischer Absenzmuster Gesamtfehlzeitenrate im Unternehmen Gesamtkrankenstand im Unternehmen
Anwendung Individuelle/Team-Analyse Unternehmensweite Übersicht Unternehmensweite Übersicht
Beispiel 7 Episoden à 2 Tage = Score 686 14 Krankheitstage / 250 Arbeitstage = 5,6% 14 Krankheitstage / 250 Arbeitstage = 5,6%

Bradford Faktor: Identifiziert Muster und gewichtet häufige kurze Ausfälle stärker. Ideal für individuelle oder Team-Analysen, um problematische Absenzmuster frühzeitig zu erkennen.

Fehlzeitenquote: Zeigt die Gesamtfehlzeitenrate im Unternehmen als Prozentsatz. Ideal für unternehmensweite Übersichten und Benchmark-Vergleiche mit Branchendurchschnitten.

Krankenstand: Fokussiert speziell auf krankheitsbedingte Fehlzeiten (ohne Urlaub, Sonderurlaub). Ideal für Gesundheitsmanagement und BGM-Maßnahmen.

Alle drei Kennzahlen ergänzen sich: Der Bradford Faktor zeigt Muster auf, die Fehlzeitenquote gibt die Gesamtübersicht und der Krankenstand fokussiert auf Krankheitsausfälle. In der Praxis werden sie gemeinsam verwendet, um ein umfassendes Bild der Fehlzeiten zu erhalten.

Anwendung im Fehlzeitenmanagement

Der Bradford Faktor ist ein wichtiges Instrument im Fehlzeitenmanagement und dient als Frühwarnindikator für mögliche Probleme. Er wird nicht isoliert verwendet, sondern als Teil einer umfassenden Absenzstrategie.

Frühwarnindikator

Der Bradford Faktor hilft dabei, Mitarbeitende mit erhöhten Scores frühzeitig zu identifizieren, bevor Probleme eskalieren:

  • Proaktive Gespräche: Bei Scores über 200 können Gespräche initiiert werden, um Ursachen zu klären
  • Mustererkennung: Identifikation von Tagesmustern (z.B. häufige Montagsausfälle) oder saisonalen Mustern
  • Team-Analyse: Vergleich von Scores zwischen Teams oder Abteilungen

Mustererkennung

Der Bradford Faktor macht verschiedene Muster sichtbar:

  • Häufige kurze Ausfälle: 7 Episoden à 2 Tage (Score 686) vs. 1 Episode à 14 Tage (Score 14)
  • Tagesmuster: Häufige Ausfälle an bestimmten Wochentagen (z.B. Montage, Freitage)
  • Saisonale Muster: Erhöhte Ausfälle vor Feiertagen oder in bestimmten Monaten
  • Team-Muster: Erhöhte Scores in bestimmten Teams oder Abteilungen

Diese Muster können Hinweise auf verschiedene Ursachen geben: chronische Erkrankungen, Betreuungspflichten, Arbeitsplatzprobleme oder Demotivation.

Integration mit BEM

Der Bradford Faktor kann mit dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) kombiniert werden:

  • BEM-Trigger: Nach 6 Wochen Arbeitsunfähigkeit ist BEM nach § 167 Abs. 2 SGB IX verpflichtend
  • Früherer Ansatz: Der Bradford Faktor kann bereits bei erhöhten Scores (z.B. über 200) Gespräche auslösen, bevor die 6-Wochen-Grenze erreicht wird
  • Gesundheitsförderung: Unterstützung für betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und Präventionsmaßnahmen

HR-Praxis

In der HR-Praxis wird der Bradford Faktor als objektive Grundlage für Gespräche verwendet:

  • Objektive Basis: Nicht subjektive Einschätzungen, sondern berechnete Scores
  • Gleichbehandlung: Alle Mitarbeitenden werden nach denselben Kriterien bewertet
  • Software-Integration: Automatische Berechnung in HR-Software (Personio, Kenjo, Papershift, ZMI)
  • Reporting: Regelmäßige Auswertungen (monatlich/quartalsweise) für HR und Führungskräfte

Mit Ordio Abwesenheiten kannst du Fehlzeiten systematisch erfassen und den Bradford Faktor automatisch berechnen – ohne manuelle Auswertungen in Excel.

Rechtliche Grundlagen

Die Einführung und Anwendung des Bradford Faktors in Deutschland unterliegt verschiedenen rechtlichen Rahmenbedingungen, die sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer betreffen.

Betriebsrat Mitbestimmung (§87(1) Nr. 6 BetrVG)

Das Betriebsverfassungsgesetz regelt die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats bei technischen Systemen zur Verhaltens- und Leistungskontrolle:

§87(1) Nr. 6 BetrVG – Mitbestimmung bei technischen Überwachungseinrichtungen:

  • Der Betriebsrat hat Mitbestimmungsrechte bei der Einführung und Anwendung technischer Systeme zur Verhaltens- und Leistungskontrolle
  • Der Bradford Faktor fällt unter diese Regelung, da er das Verhalten (Fehlzeiten) analysiert
  • Eine Betriebsvereinbarung ist erforderlich, wenn der Bradford Faktor unternehmensweit eingeführt wird
  • Inhalt der Betriebsvereinbarung: Beobachtungszeiträume, Schwellenwerte, Konsequenzen, Sonderfälle (z.B. Teilzeitmitarbeiter)

Rechtsgrundlage: Betriebsverfassungsgesetz §87(1) Nr. 6

Datenschutz (Art. 9 DSGVO)

Krankheitsdaten sind Gesundheitsdaten im Sinne der DSGVO und unterliegen besonderen Schutzbestimmungen:

Art. 9 Abs. 1 DSGVO – Verarbeitung besonderer Kategorien personenbezogener Daten:

  • Krankheitsdaten sind Gesundheitsdaten (besondere Kategorie)
  • Die Verarbeitung ist grundsätzlich verboten, es sei denn, eine Ausnahme nach Art. 9 Abs. 2 DSGVO liegt vor
  • Eine Rechtsgrundlage ist erforderlich (z.B. Art. 9 Abs. 2 lit. b DSGVO: Erfüllung arbeitsrechtlicher Pflichten)

Risiko: 2019 verhängte die zypriotische Datenschutzbehörde Geldstrafen von insgesamt €82.000 gegen Unternehmen, die den Bradford Faktor ohne Rechtsgrundlage verarbeiteten.

Empfehlung: Vor der Einführung des Bradford Faktors sollte eine Datenschutz-Folgenabschätzung durchgeführt und eine Rechtsgrundlage dokumentiert werden. Die Betriebsvereinbarung sollte auch datenschutzrechtliche Aspekte abdecken.

Rechtsgrundlage: DSGVO Art. 9

Betriebsvereinbarung

Eine Betriebsvereinbarung ist Voraussetzung für die unternehmensweite Einführung des Bradford Faktors:

  • Inhalt: Beobachtungszeiträume (typischerweise 6-12 Monate), Schwellenwerte, Konsequenzen bei erhöhten Scores, Sonderfälle (Teilzeitmitarbeiter, chronische Erkrankungen)
  • Transparenz: Alle Mitarbeitenden müssen über die Einführung und Anwendung informiert werden
  • Stufenweise Einführung: Möglich, wenn der Bradford Faktor nur intern berechnet wird und keine automatisierten Disziplinarmaßnahmen folgen

Kündigungsschutz

Ein hoher Bradford Score allein ist typischerweise kein Kündigungsgrund:

  • Individuelle Bewertung: Jeder Fall muss einzeln bewertet werden
  • Nicht automatisch: Der Score darf nicht automatisch zu Disziplinarmaßnahmen führen
  • Abmahnung vor Kündigung: Bei wiederholten unentschuldigten Fehlzeiten sollte zunächst eine Abmahnung erfolgen
  • Ursachenanalyse: Die Gründe für erhöhte Scores müssen geklärt werden (chronische Erkrankung, Betreuungspflichten, Arbeitsplatzprobleme)

Vorteile und Nachteile des Bradford Faktors

Der Bradford Faktor bietet sowohl Vorteile als auch Nachteile. Eine ausgewogene Betrachtung ist wichtig für eine erfolgreiche Anwendung.

Vorteile

  • Objektive Grundlage: Berechnete Scores statt subjektiver Einschätzungen – faire und nachvollziehbare Bewertung
  • Mustererkennung: Identifiziert häufige kurze Ausfälle, die den Betrieb stärker belasten als wenige längere
  • Frühwarnindikator: Erkennt Probleme frühzeitig, bevor sie eskalieren – ermöglicht proaktive Gespräche
  • Unterstützung für Gesundheitsmanagement: Hilft bei der Identifikation von chronischen Erkrankungen oder Arbeitsplatzproblemen
  • Software-Integration: Automatische Berechnung in HR-Software möglich – keine manuellen Excel-Listen
  • Gleichbehandlung: Alle Mitarbeitenden werden nach denselben Kriterien bewertet

Nachteile

  • Keine Ursachenidentifikation: Der Score zeigt Muster auf, identifiziert aber nicht automatisch die Ursache (Krankheit vs. Demotivation)
  • Individuelle Bewertung erforderlich: Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden – keine pauschalen Schlüsse möglich
  • Nicht als alleinige Grundlage: Sollte nicht als einzige Basis für Personalentscheidungen dienen
  • Stress für Betroffene: Regelmäßige Berechnung kann Stress verursachen, besonders bei Mitarbeitenden mit chronischen Erkrankungen oder Betreuungspflichten
  • Deutsche Systemunterschiede: Höhere Scores durch deutsche Besonderheiten (42 Tage Lohnfortzahlung, Kinderkrankengeld) – Anpassung der Schwellenwerte erforderlich
  • Mögliche Diskriminierung: Bei unsachgemäßer Anwendung kann es zu Diskriminierung kommen (z.B. bei chronischen Erkrankungen)

Kritik

Der Bradford Faktor steht auch in der Kritik:

  • Vereinfachte Annahmen: Nicht jede häufige Abwesenheit bedeutet automatisch "Blaumachen" – chronische Erkrankungen oder Betreuungspflichten können die Ursache sein
  • Individuelle Situationen: Jede Situation ist anders – pauschale Bewertungen greifen zu kurz
  • Fokus auf Symptome: Der Score zeigt Symptome auf, nicht die Ursachen – zusätzliche Analyse erforderlich

Der Bradford Faktor sollte daher als Ausgangspunkt für konstruktive Gespräche dienen, nicht als Urteil. Wertschätzung und Empathie stehen im Zentrum erfolgreicher Mitarbeitergespräche.

Bradford Faktor berechnen und umsetzen

Die erfolgreiche Einführung des Bradford Faktors erfordert sorgfältige Vorbereitung, rechtliche Absicherung und transparente Kommunikation. Hier ist ein Schritt-für-Schritt-Leitfaden:

Vorbereitungsphase

Vor der Einführung sollten folgende Schritte durchgeführt werden:

  • Beteiligung der Stakeholder: HR, Betriebsrat, Management und ggf. Datenschutzbeauftragter einbeziehen
  • Beobachtungszeitraum definieren: Typischerweise 6-12 Monate, jährliche Reset-Regelung festlegen
  • Schwellenwerte festlegen: Unternehmensspezifische Anpassung der Score-Bereiche (1-200, 201-449, 450+)
  • Betriebsvereinbarung erstellen: Inhalt: Beobachtungszeiträume, Schwellenwerte, Konsequenzen, Sonderfälle

Technische Einrichtung

Die technische Umsetzung umfasst:

  • Software-Integration: Bradford Faktor in HR-Software integrieren oder Online-Rechner nutzen
  • Datenschutz-Compliance: Rechtsgrundlage dokumentieren, Datenschutz-Folgenabschätzung durchführen
  • Automatisierung: Automatische Berechnung und Reporting einrichten (monatlich/quartalsweise)
  • Schulung: HR-Team und Führungskräfte schulen – Interpretation, Gesprächsführung, rechtliche Rahmenbedingungen

Mit Ordio Abwesenheiten kannst du Fehlzeiten systematisch erfassen und den Bradford Faktor automatisch berechnen lassen – ohne manuelle Auswertungen.

Kommunikation

Transparente Kommunikation ist entscheidend für die Akzeptanz:

  • Information der Mitarbeitenden: Über Einführung, Zweck und Berechnungsmethode informieren
  • Beispiele bereitstellen: Konkrete Berechnungsbeispiele zeigen, wie Scores zustande kommen
  • Support-Orientierung betonen: Klarstellen, dass es um Unterstützung geht, nicht um Bestrafung
  • FAQs bereitstellen: Häufige Fragen beantworten (z.B. "Was bedeutet mein Score?", "Wie wird der Score berechnet?")

Anwendung

In der praktischen Anwendung:

  • Regelmäßige Berechnung: Scores monatlich oder quartalsweise berechnen
  • Identifikation erhöhter Scores: Mitarbeitende mit Scores über 200 identifizieren
  • Gespräche initiieren: Konstruktive Gespräche führen – nicht als Anklage, sondern als Unterstützung
  • Individuelle Lösungen entwickeln: Gemeinsam mit dem Mitarbeitenden Lösungen erarbeiten (z.B. BEM-Angebot, Arbeitsplatzanpassung)

Überprüfung und Anpassung

Kontinuierliche Verbesserung ist wichtig:

  • Wirksamkeit überwachen: Hat die Einführung des Bradford Faktors zu einer Reduzierung der Fehlzeiten geführt?
  • Schwellenwerte anpassen: Erfahrungswerte nutzen, um Schwellenwerte zu optimieren
  • Betriebsvereinbarung überprüfen: Regelmäßige Überprüfung und ggf. Anpassung der Betriebsvereinbarung
  • Feedback einholen: Rückmeldungen von Mitarbeitenden, Führungskräften und HR einholen

Best Practices für Bradford Faktor

Für eine erfolgreiche Anwendung des Bradford Faktors sind folgende Best Practices wichtig:

  • Ganzheitlicher Ansatz: Den Bradford Faktor als Frühwarnindikator nutzen, nicht als isoliertes Kontrollinstrument. Kombiniere ihn mit Gesprächen und einer umfassenden Absenzstrategie.
  • Rechtliche Compliance: Betriebsrat von Anfang an einbeziehen, Betriebsvereinbarung erstellen, Datenschutz-Compliance sicherstellen (DSGVO Art. 9).
  • Kontextuelle Anpassung: Deutsche Schwellenwerte verwenden (nicht direkt aus dem Englischen übernehmen). Anpassung an Branche, Unternehmensgröße und Altersstruktur.
  • Individuelle Bewertung: Scores nicht automatisch für Disziplinarmaßnahmen nutzen. Jeder Fall erfordert individuelle Betrachtung – chronische Erkrankungen, Betreuungspflichten, Arbeitsplatzprobleme berücksichtigen.
  • Transparente Kommunikation: Offen mit Mitarbeitenden über Einführung, Zweck und Berechnungsmethode kommunizieren. Support-Orientierung betonen, nicht Bestrafung.
  • Führungskräftequalifizierung: Führungskräfte schulen – Interpretation der Scores, Gesprächsführung, rechtliche Rahmenbedingungen.
  • Kultur des Lernens: Eine Kultur des kontinuierlichen Lernens schaffen. Lernen als selbstverständlich etablieren, nicht nur in formalen Maßnahmen.
  • Technologische Unterstützung: Digitale Tools zur Effizienzsteigerung nutzen, aber nicht als Ersatz für persönliche Interaktion. Beste Systeme kombinieren digitale Effizienz mit menschlicher Begleitung.
  • Kontinuierliche Verbesserung: Prozesse regelmäßig überprüfen und optimieren. Was funktioniert gut? Was kann verbessert werden? Feedback von Mitarbeitenden und Führungskräften einholen.

Häufige Fehler vermeiden

  • Fehlende Vorbereitung: Einführung ohne Betriebsrat-Beteiligung oder Datenschutz-Compliance
  • Automatische Disziplinarmaßnahmen: Scores automatisch zu Abmahnungen oder Kündigungen führen lassen
  • Fehlende Individualisierung: Pauschale Bewertung ohne Berücksichtigung individueller Umstände
  • Einseitige Kommunikation: Mitarbeitende nicht über Einführung und Zweck informieren
  • Fehlende Anpassung: Englische Schwellenwerte direkt übernehmen ohne Anpassung an deutschen Kontext
  • Überforderung: Zu viele Maßnahmen gleichzeitig oder unrealistische Erwartungen

Erfolgreiche Anwendung des Bradford Faktors erfordert Engagement von Führungskräften, HR und Mitarbeitenden. Er ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der sich an veränderte Anforderungen anpasst.

Fazit

Der Bradford Faktor ist ein hilfreiches Instrument zur objektiven Analyse krankheitsbedingter Fehlzeiten, das häufige kurze Ausfälle stärker gewichtet als wenige längere. Er dient als Frühwarnindikator für mögliche Probleme und unterstützt HR-Abteilungen dabei, Muster frühzeitig zu erkennen und proaktiv zu handeln.

Erfolgreiche Umsetzung erfordert rechtliche Compliance (Betriebsrat-Mitbestimmung, Datenschutz DSGVO), transparente Kommunikation und individuelle Bewertung jedes Falls. Der Bradford Faktor sollte als Ausgangspunkt für konstruktive Gespräche dienen, nicht als Urteil. Mit Ordio Abwesenheiten kannst du Fehlzeiten systematisch erfassen und den Bradford Faktor automatisch berechnen – transparent und gesetzeskonform.